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Hinter «Akris» steht die Mutter des kürzlich verstorbenen St. Galler Modezars Max Kriemler

Hinter «Akris» steht die Mutter des kürzlich verstorbenen St. Galler Modezars Max Kriemler

Die Anfänge des heutigen Labels waren mehr als nur kärglich, als zu Beginn der Zwanzigerjahre Alice Kriemler-Schoch für ihre Schürzenproduktion schulentlassene Mädchen engagierte, die frei von Ambitionen, aus ärmlichsten Verhältnissen stammten und auf einen Zuverdienst angewiesen waren, um ihre Familien zu unterstützen.

In «Büdelis» sassen sie  nach dem Zweiten Weltkrieg von frühmorgens bis spät in den Abend hinein an ihren Maschinen und nähten, was das Zeug hergab. Die Ostschweizer Autorin Jolanda Spirig beschreibt in zehn Frauenporträts die Verhältnisse der «Schürzennäherinnen» genau. Die wahren Helden hinter «Akris» sind nämlich die Gründerin Alice Kriemler-Schoch und besonders auch ihre Näherinnen. Doch selbstverständlich konnte eine Alice Kriemler-Schoch zu jener Zeit nicht agieren, wenn sie nicht einen Mann hinter sich sah, der Unterstützung gab. Insofern gebührt dem Vater des  kürzlich verstorbenen Max Kriemler grosse Anerkennung.

Die Arbeit sei ganz und gar kein Schleck gewesen, so die längst verstorbene Schürzennäherin Marie Langenegger im Buch. Die Paspelierung (Einfassen der Schürzenkanten mit Schrägbändern) habe ihr zu schaffen gemacht. War nicht alles perfekt, kam die Ware retour. Und nach dem Schürzennähen war der Tag noch längst nicht vorbei, dann galt es nämlich, auf dem elterlichen Bauernhof mitzuhelfen.

Auch Melitha Baumgarnter hätte gern ein anderes Leben gehabt und das Angebot, eine Ausbildung als Metzgereiverkäuferin im Toggenburg zu absolvieren, angenommen. Als sie mit gepackten Koffern zum Verabschieden bereit stand, schickte die Mutter sie jedoch mit bösen Worten «in die Bude zurück», um für Frau Kriemler zu nähen. Melitha war damals erst vierzehneinhalb Jahre alt.

50 Rappen war der Anfangs-Akkordlohn pro Stunde. Für die jungen Mädchen und ihre Familien war es nicht viel Geld, doch immerhin ein Zustupf fürs Überleben. Verstarb ein Familienoberhaupt, stand bis 1948 nämlich noch keine Witwenrente zur Verfügung. Und die Kirche gab höchstens Trost und manchmal Brotfonds, die allerdings mit Beten in der bitteren Kälte der unbeheizten Kirche verdient werden mussten.

Mit Singen und Plaudern verschönerten sich die «Kriemlera», wie sich die jungen Näherinnen nannten, die harten Arbeitszeiten. Im «Büdeli» ging es familiär zu und her. Die Chefin, Alice Kriemler-Schoch, einst selbst eine mittellose Bauerntochter und Schürzennäherin, lud ihre «Mädchen» zum Weihnachtsessen oder zur Hochzeit ihres Sohnes ein. Sie wurde denn auch als grosses Vorbild verehrt.

Das Handwerk hatte die junge Alice (Kriemler) Schoch in der Schürzenfabrik ihrer Tante in Flawil erlernt und stieg rasch in die Produktionsleitung auf. Allerdings war nicht sie es, welche die Fabrik erben konnte, sondern ihr Bruder Fritz. Voller Enttäuschung sparte sich die junge Frau das Geld für eine Nähmaschine zusammen und begann, selber Schürzen zu nähen.

Ihr Ehemann Albert Kriemler, den sie im Jahr 1921 heiratete, war Chemievertreter und nahm eines Tages ihre Schürzenkollektion auf Reisen mit, die sich nicht nur erfolgreich verkaufen liess, sondern auch etliche Bestellungen einbrachte. Schürzennäherinnen mussten also her, um die Aufträge termingerecht zu erledigen. Das Geschäft lief gut und bald richtete sich Alice Kriemler-Schoch im Erdgeschoss ihres Hauses in St. Gallen eine erste «Bude» für acht Näherinnen und zwei Zuschneiderinnen ein.

Im Juli 1922, wurde die Einzelfirma A. Kriemler-Schoch – abgekürzt Akris – im Handelsregister eingetragen. Bald wurden Arbeitsschürzen vom Gewerbe, dann Blusen für die Läden bestellt. Grosse Aufträge für Globus folgten. Als 1944 Albert Kriemler-Schoch starb, trat Sohn Max ins Geschäft ein, doch Chefin blieb weiterhin die Gründerin.

Die Mutter war es auch, die in Kriessern das «Büdeli» eröffnete, denn die Schürzenproduktion war ihr wichtig. Als es in den 1960er-Jahren mit der Nachfrage nach Schürzen abwärts ging, wurde das «Büdeli» wieder geschlossen. Mit 76 Jahren verstarb die Gründerin, die bis zuletzt im Unternehmen ihre Fäden spann und sich liebevoll um ihre Enkelkinder kümmerte. Albert, stand seiner Grossmutter ganz besonders nahe. Er sollte das einstige «Schürzenatelier», zusammen mit seinem kürzlich verstorbenen Vater Max Kriemler, zu Weltruhm führen.

Bild: Schürzennäherinnen im «Büdeli» der Akris-Gründerin Alice Kriemler-Schoch.

Das renommierte Schweizer Prêt-à-porter-Unternehmen Akris wurde 1922 in St. Gallen als Schürzenfabrik gegründet – von Alice Kriemler-Schoch (1896–1972). Vierzehn Tagebücher zeugen vom Alltag der engagierten Fabrikantin, die mitten in der Stadt Hühner hielt und kurz vor ihrem 63. Geburtstag die Fahrprüfung ablegte. Sie erweiterte das Unternehmen zur Kleiderfabrik, lotste es durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg – und verteidigte ihre Schürzenproduktion, bis das Schürzentragen aus der Mode kam. Zwischen 1946 und 1966 betrieb Akris eine kleine Schürzennäherei in Kriessern. Wie lebten diese Näherinnen? Wie wuchsen sie auf in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als das Stadt-Land-Gefälle riesig und die Bildungschancen für Mädchen gering waren? Die Porträts der neun Rheintalerinnen geben Einblick in eine längst vergangene Welt, geprägt durch Kinderarbeit, Marienlieder, Armut und Autoritätsgläubigkeit. Die Mädchen hüteten Kühe und Kinder, stachen Äcker um und ernteten Erbsen. Als junge Frauen nähten sie Schürzen. Den Verdienst gaben sie zu Hause ab, eine Lehre lag nicht drin. Das gemeinsame Nähen im «Büdeli» hat die Kriessnerinnen verbunden. Sie nannten sich «Kriemlera» – nach ihrer Chefin Alice Kriemler-Schoch, die ihrerseits von den Kriessner «Mädchen» sprach. Auch sie war auf einem kinderreichen Bauernhof aufgewachsen und hatte als Schürzennäherin begonnen.

Schürzennäherinnen von Jolanda Spirig

Die Fabrikantin und die Kriessner «Mädchen»

ISBN 978-3-0340-1143-3

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