Helvetia – die Landesmutter der Schweiz

Helvetia – die Landesmutter der Schweiz

Der Nationalfeiertag steht vor der Tür, so wird es Zeit, sich mit einem ganz besonderen Mythos der Schweiz zu beschäftigen –  mit Landesmutter Helvetia. Wie kommt die Schweiz zu diesem Symbol und wofür steht es?

Helvetia tauchte zuerst im 17. Jahrhundert als Frauengestalt und Identifikationsfigut für die Eidgenossenschaft auf. 1642 war sie rein geografisch zu verstehen, in der «Topographia Helvetiae» von Matthäus Merian d.Ä., doch 1672 erschien sie als politisch zu verstehende Bühnenfigur in Johann Caspar Weissenbachs Stück «Eydtgenossisch Contrafeth Auff- und Abnemmender Jungfrawen Helvetiae».

Weissenbach und auch mehrere andere Künstler, die gleichzeitig Helvetia bildlich darstellten, schufen eine neue Identifikationsfigur für die Einheit der Eidgenossenschaft – dies in Zeiten der Entzweiung, vor allem durch konfessionelle Streitigkeiten. Diese zeugte auch vom gestiegenen Selbstbewusstsein und vom Anspruch auf einen souveränen Status, nachdem den eidgenössischen Orten im Westfälischen Frieden (1684) «Freiheit und Exemtion» vom Heiligen Römischen Reich genährt worden waren.

Mit dem Wachsen des Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert und der Gründung des schweizerischen Bundesstaates 1848 gewann Helvetia als Nationalallegorie an Bedeutung. Sie erschien auf Münzen und Briefmarken und in politischen und patriotischen Darstellungen. Bis heute ist die Helvetia noch auf den 50 Rappen- und Zweifranken-Stücken stehend zu sehen, wobei auf den weiteren Münzen die Libertas zu sehen ist.

Auf Briefmarken und Münzen wird bis zum heutigen Tag die Bezeichnung «Helvetia» als Landesbezeichnung verwendet. Dies liegt daran, dass damit keine der vier Landessprachen der Schweiz bevorzugt wird. Aus demselben Grund wird auch die Abkürzung «CH» benutzt, was für «Confoederatio Helvetica», Schweizerische Eidgenossenschaft, steht.

Die Landesmutter Helvetia ist in der Kunst tief verankert. An der «Mittleren Brücke in Basel», auf der Kleinbasler Uferseite, befindet sich die bekannte Skulptur der «Helvetia auf Reisen», die 1980 von der Basler Künstlerin Bettina Eichinger angefertigt wurde. Helvetia ist auch in der Literatur, in Abhandlungen und Dissertationen verewigt worden, wie die folgende Liste zeigt:

  • Gianni HaverDame à l’antique avec lance et bouclier: Helvetia et ses Déclinaisons, in: Gonseth M.-O./Knodel B./Laville Y./Mayor G. (Hg.): Hors-champs. Eclats du patrimoine culturel immatériel,Musée d’ethnographie de Neuchâtel, 2013, S. 274–282.
  • Georg KreisHelvetia – im Wandel der Zeiten. Die Geschichte einer nationalen Repräsentationsfigur.Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1991, ISBN 3-85823-316-1.
  • Thomas Lau«Stiefbrüder». Nation und Konfession in der Schweiz.Böhlau-Verlag, Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-412-14906-2, S. 397–419, 455–459. (Zugleich Habil-Schrift 2005)
  • Thomas MaissenVon wackeren alten Eidgenossen und souveränen Jungfrauen. Zu Datierung und Deutung der frühesten «Helvetia»-Darstellungen,in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 56 (1999), S. 265–302.
  • Thomas MaissenDie Schöpfung der Helvetia in der bildenden Kunst und in der Dichtung, in: Stefan Hess/Tomas Lochman(Hg.):  Ein Beispiel städtischer Repräsentation in weiblicher Gestalt, Basel 2001, S. 84–101.
  • Thomas MaissenDie Geburt der Republic. Staatsverständnis und Repräsentation in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft(= Historische Semantik. 4). Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-36706-6, S. 253–277 (Zugleich: Zürich, Univ., Habil.-Schr., 2001).
  • Marie-Louise Schaller:  Vorbilder – Wunschbilder. Begleitheft zur Ausstellung in der Zentralbibliothek Luzern, 15. Mai – 11. Juli 1998, Luzern 1998.
  • Angela Stercken, Enthüllung der Helvetia. Die Sprache der Staatspersonifikation im 19. Jahrhundert(= Historische Anthropologie. 29). Reimer, Berlin 1998, ISBN 3-496-02641-3 (Zugleich: Basel, Univ., Diss., 1996).

 

Wie wird Helvetia aber dargestellt und wofür steht sie? Sie trägt ein wallendes Gewand, hat die Haare stolz zu einem Knoten gebunden, hält ein Schwert und das Schweizer Wappen in den Hànden. Als Symbol verkörpert sie eine starke und stolze Figur. In Realität hat sie jedoch niemals gelebt. «Sie ist eine abstrakte Idee der Schweiz, ohne Fleisch und Blut», schreiben Jürg Willi und Margaretha Dubach in ihrem Buch. Demnach ist die Helvetia eine Figur, die ähnlich der Justitia oder der deutschen Germania steht.

Tell ist wichtiger als die Helvetia es ist. Er gilt immer noch mehr als Repräsentationsfigur der Schweiz, selbst wenn sich die Helvetia im Laufe des 18. Jahrhunderts als Figur schon fast emanzipiert hat. Als der noch junge Bundesstaat sich nach der Gründung 1848 noch ein Gesicht zu geben hatte und das Volk zu einer Einheit und Nation geformt werden musste, identifizierte man sich mit einer Mutterfigur am besten – einer Mutter, die ihre Kinder schützt und versorgt. Schon 1874 wurde darum die erste Münze mit Helvetia-Design gedruckt.

Und obwohl Wilhelm Tell, der Erzählung zufolge, schon beim Rütlischwur dabei gewesen ist und die Helvetia erst viel später Bekanntheit erlangte, wurden ihr zahlreiche Denkmale gesetzt. Ihre Darstellung veränderte sich allerdings im Laufe der Zeit immer wieder. Mal war sie blond, dann wieder braunhaarig, mal war sie weiblich und rund, dann wieder gertenschlank und grazil.

Selbst die Gegenstände, mit denen die Landesmutter geschmückt war, wechselten sich vom Käse zu Früchten, was für Produktivität und Reichtum steht, bis zum Landeswappen ab. Ab 1800 tritt die Helvetia in Büchern als Kriegerin und Walküre in Erscheinung, ausgestattet mit Waffen und Schmuck. Auf dem Kopf trägt sie einen Lorbeerkranz, der ihr bis heute erhalten blieb.

Als Vornamensgeberin steht die Helvetia nur selten Patin. Es wurden noch zwei lebende Helvetias vor zwei Jahren registriert, wovon die eine in der Ostschweiz leb(t)e.

Bild:

… eines Tages verlässt Helvetia ein Zweifrankenstück
mischt sich unters Volk
und unternimmt eine längere Reise
Unterwegs kommt sie auch 
nach Basel
Nach einem anstrengenden Gang
durch die Stadt legt sie Mantel
Schild Speer und Koffer ab
ruht sich auf einem Brückenpfeiler
der Mittleren Rheinbrücke aus
und blickt nachdenklich 
rheinabwärts …

Bettina Eichinger

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